Frugalismus? Wieder was gelernt

Als ich heute auf meinen Zug wartete (der mal wieder eine halbe Stunde Verspätung hatte), stieß ich auf den Artikel Frugalismus: Knausern für die Rente mit 30 in der TAZ. Bis heute war mir das Wort vollkommen unbekannt. TAZ definiert das Wort so:

Es ist eine Lebensphilosophie, die Glück sucht in Genügsamkeit, Konsumverzicht, Ressourcenschonung, Do it yourself, Gesundheitsbewusstsein, Minimalismus und Befreiung vom wirtschaftlichen Zwang zur Arbeit. Ihr Ziel ist nicht die Hängematte oder das volle Konto an sich, sondern die Freiheit, zu tun, was man möchte.

Das klingt gut und im Prinzip so ähnlich, wie unsere derzeitige Lebenseinstellung. Mir ist das aber ehrlich gesagt egal, wie unsere Lebenseinstellung heißt. Sie braucht für mich keinen Namen. Das ist mir wirklich schnuppe. Bei uns hat sich das einfach so über die Zeit entwickelt, ohne das das Kind einen Namen hatte. Eins kam zum anderen. Und wir machen auch etwas nicht, weil es ein Trend ist, sondern weil wir dahinter stehen. Dennoch kann ich den Beitrag der TAZ nicht umkommentiert stehen lassen, weshalb ich darüber blogge.

Wir ihr in verschiedenen Artikel bereits lesen konntet, beschäftigen uns wir uns viel mit den Themen Minimalismus als Familie (bedeutet: Minimalismus eben so viel, wie es als Familie halt geht), Nachhaltigkeit, Vereinbarung von Familie und Beruf sowie Sparen und Investieren.

Warum das Ganze? Das ist ganz einfach.

  1. Wir möchten Ressourcen sparen. Einmal unsere finanziellen Ressourcen, aber auch die der Umwelt. Wir haben nur eine Welt und der geht es gerade immens schlecht. Immer wenn wir etwas kaufen, muss es nachproduziert werden, es werden dafür Ressourcen benötigt. Und auch unser schwer verdientes Geld wird weniger. Das wollen wir so weit es geht vermeiden. Übrigens verzichten wir u. a. auch deshalb auf Fleisch, weil es eines der größten Klimakiller ist, aber das ist ein anderes Thema.
  2. Wir möchten Geld zur Seite legen und auf der hohen Kante haben. Wir wissen nicht, was im Leben passieren wird. Es können plötzlich Lebensumstände eintreten, die die Ausführung einer Erwerbstätigkeit verhindern oder einschränken. Auf die staatliche Rente können wir uns nicht verlassen, daher möchten wir auch vorsorgen. Und wenn etwas eintritt und wir plötzlich hohe Ausgaben haben, möchten wir keinen Kredit aufnehmen müssen.
  3. Wir möchten Zeit haben. Der ganze Besitz muss gepflegt werden. Dafür geht Zeit drauf. Je mehr im Haus rumsteht, desto mehr muss geputzt werden. Das wollen wir nicht. Wir möchten die Zeit als Familie genießen.
  4. Wir möchten die Welt entdecken, reisen und später ein freies Leben führen. Das kostet natürlich auch Geld. Jetzt ist es so: Wir müssen so und so viele Stunden arbeiten, um Gehalt x zu bekommen. Später soll es genau umgekehrt sein: Wir möchten so und so viele Stunden arbeiten, weil es uns gut tut und wir das so wollen. Und wenn wir später beide Vollzeit arbeiten, dann ist das auch in Ordnung. Wir möchten das aber selbst entscheiden.
  5. Wir möchten viel in Humankapital investieren. Bei uns Erwachsenen in Form eines Studiums und Weiterbildungen, bei den Kindern in Form einer Privatschule. Wir lernen halt gerne. Und Bildung kostet Geld.
  6. Wir möchten Geld für die Kinder zur Seite legen, was sie später erben.
  7. Wir möchten einfach ein entspanntes Leben ohne großartige Geldsorgen nach unseren Wünschen leben.

Folgende Kritik gibt es in dem Artikel zu lesen:

Nicht alle begeistert Fire. Ein Einwand ist, das Prinzip funktioniere nur bei hohem Gehalt. Die meisten Frugalisten arbeiten im IT-Sektor, verdienen gut, sind Männer. „Jeder mit mittlerem Einkommen kann es schaffen“, sagt der Doktorand. Im Netz kursieren Fire-Rechner zur Frage, ab wann mit welchem Lohn Rente möglich sei.

Der Finanzmedienkonzern Bloomberg warnt, Frugalisten könnten „genauso enttäuscht enden wie Sparer, die auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase imstande waren, in Rente zu gehen – bis sie platzte“. Blogger Holger Grethe beklagt, vielen fehle die Lust am Job. „Was für ein Bild von Arbeit muss man haben, dass man schon nach einem Exit sucht, bevor man überhaupt ein paar Jahre Geld verdient hat?“

Buchautor Gerd Kommer wettert im Blog seiner Vermögensverwaltung: „Entbehrung und Geiz werden zur ‚Unabhängigkeit‘ aufgehübscht; die ferne Zukunft wird als wichtiger bewertet als die Gegenwart; und Arbeit als Angestellter wird als Gefängnis dargestellt, aus dem man entkommen muss.“ Er warnt, der Freundeskreis könne bei solch einer Lebensweise schrumpfen.

Diese Kritik kann ich bedingt nachvollziehen – aber wir sind wahrscheinlich auch keine richtigen Frugalisten. Mit kleinen oder mittleren Gehältern sowie mit Kindern stelle ich es mir tatsächlich schon schwer vor so zu sparen, dass man früh in Rente gehen kann. Wir gehören nicht zu den reichen Menschen, sondern zur Mittelschicht. Daher können wir derzeit nicht so viel zur Seite legen, wie wir es möchten, da wir den Kindern natürlich auch einiges ermöglichen möchten. Das wären Instrumentenunterricht (autsch, das ist echt schweineteuer), eine gute Schule, Sport, Erfahrungen und Erlebnisse….. Kinder kosten halt viel Geld. Aber wir arbeiten darauf hin, mehr sparen zu können. Das geht nicht von heute auf morgen, schließlich haben wir mal einen anderen Lebensstil gepflegt. Aber das muss es auch gar nicht. Man kann auch mit normalen Gehältern Geld sparen. Man muss sich halt Prioritäten setzen und überlegen, was einem wirklich wichtig ist. Aber wie ich sagte, sind wir keine richtigen Frugalisten. Wir sparen ja nicht, um früh in Rente gehen zu können  und sparen daher auch nicht so viel, wie vielleicht andere.

Sparen und Genügsamkeit fängt schon bei dem Kauf von Schuhen an: Warum muss ich fünf Paar im Schrank haben oder immer wieder neue kaufen, obwohl ich doch funktionierende Schuhe habe? Das spart Geld. Warum muss es immer das neueste Handy sein? Man kann sein Handy auch aufbrauchen, bis es wirklich kaputt ist. Das spart Geld. Warum muss der Kühlschrank mit allen möglichen Dingen gefüllt sein, von ich später viele Lebensmittel wegschmeisse, weil sie abgelaufen sind? Wir sollten lieber vorher genau überlegen, was wir wirklich benötigen. Spart Geld und natürlich Ressourcen. Warum braucht man das fünfzehnte T-Shirt oder die fünfte Jeans, nur weil sie gerade modern sind? Man kann Kleidung auch auftragen und dann neu kaufen. Das spart Geld – und auch Energie. Ich vergeude morgens nicht mehr einige Minuten vorm Schrank, weil ich nicht weiß, was ich anziehen soll. Bei mir passt jetzt alles zusammen und ich brauche nur einen Griff in den Schrank tätigen. Ich könnte die Liste noch endlos weiterführen. Wir schränken uns dadurch nicht ein, sondern leben bewusst und überlegen zwei Mal, bevor wir eine Ausgabe tätigen. Früher habe ich gedacht: „Puh, unser kleines Häuschen wird für uns zu klein. Wir haben einfach keinen Platz mehr.“ Nach dem Entrümpeln und Ausmisten denke ich eher „Wow, wir haben ja richtig Platz. Wir könnten sogar ein Zimmer zum Spielzimmer umfunktionieren.“ Krasser Gegensatz, oder?

Und ich möchte der Aussage, dass wir geizig oder unzufrieden im Job sind und das deshalb machen, vehement widersprechen. Ich bin sehr, sehr glücklich in meinem Job. Mein Mann war unzufrieden, studiert aber deswegen. Und mittlerweile hat er auch einen anderen Job gefunden, der ihn fordert und fördert. Wir arbeiten beide total gerne, verbringen aber auch gerne viel Zeit mit der Familie und reisen gern. Dennoch frage ich mich, warum die Arbeit als höchstes und wichtigstes Gut angesehen wird? Natürlich, wir bestreiten unser Leben davon und das ist wichtig. Wir brauchen die Arbeit auch als sinnvolle Aufgaben außerhalb der Familie. Sie gibt uns Bestätigung und Abwechslung. Um vollends glücklich zu sein, brauche ich z. B. eine Mischung aus Familie, Freunde und Beruf. Ich kann für meinen Teil sagen, das mein Beruf nicht bloß ein Beruf ist, sondern meine Berufung. Dafür habe ich aber auch hart gearbeitet: Ich habe ohne Abitur studiert, neben Beruf und Familie. Das meine ich mit meiner Frage aber auch gar nicht. Ich meine eher, warum man nicht vorsorgen darf, um später ein selbstbestimmtes Leben zu führen oder um sich schöne Reisen leisten zu können? Um vielleicht Entscheidungen für Arbeitszeitmodelle zu treffen, die derzeit noch nicht möglich sind? Um mehr Zeit mit der Familie, Freunde und reisen verbringen zu können? Das ist genau das, was mich an unserer Gesellschaft stört: Wir Menschen werden über Leistung und Erfolg definiert. Manchmal auch über den Besitz. Nur wer mehr leistet, sich für den Job aufopfert, wird anerkannt. Wer nicht gestresst ist, leistet nicht genug. Verrückt.

Unabhängig des Frugalismus stört mich am Artikel, dass Genügsamkeit mit Verzicht gleichgestellt und geurteilt wird. Wir verzichten nicht. Verzicht bedeutet für uns, etwas nicht zu kaufen, obwohl wir es eigentlich total gerne haben möchten. Aber das trifft bei uns ja nicht zu. Wir wollen Dinge einfach nicht kaufen. Und wie gesagt, wenn wir mal etwas ganz Besonderes sehen, uns das Ding glücklich macht oder wir es wirklich brauchen, dann würden wir es auch kaufen. Wir denken vor dem Kauf einfach nur nach. Und das ist kein Verzicht.

Warum maßen sich andere Menschen an, über das Leben anderer zu urteilen? Ist es nicht wichtig und vorrangigstes Ziel, im Leben glücklich zu sein? Mich nervt es manchmal so an, dass alle möglichen Dinge immer wieder ausdiskutiert werden und sich andere Menschen das Recht rausnehmen, über das zu urteilen, was die ureigenste Entscheidung eines jeden Menschen ist: Beispiele sind Stillen, Ernährung, Fleischkonsum, Kindererziehung, Berufstätigkeit von Müttern und Vätern etc. Jeder weiß es besser und macht es doch so viel besser als der andere. Dabei freue ich mich, wenn ich Gemeinsamkeiten bei anderen Menschen entdecke. Aber auch, wenn andere Menschen es anders machen und ich davon noch lernen kann. Ich urteile aber auch nicht über den Bugatti-fahrenden Nachbarn, dessen Familie sich immer die neuesten Dinge leistet und ein genau gegensätzliches Leben führt, wie wir. Oft werden irgendwelche negativen Vorhersagungen in der Bewertung und Kritisierung anderer getroffen, die absolut unnötig sind- wie in dem Beitrag. Ich denke, es wäre der Welt mehr geholfen, wenn wir uns gegenseitig unterstützen und weg von der Zeigefinger-Gesellschaft gehen. Wir brauchen mehr „wir“ und nicht „ihr“. Wir sollten nicht über andere urteilen sondern das Leben, dass jemand führt, anerkennen und gegenseitig Respekt zollen. Und ganz wichtig: Einander unterstützen. Nur weil jemand so oder so lebt, führt er doch kein schlechtes Leben, er lebt nur anders. Wir sind dadurch keine besseren oder schlechteren Menschen. Anderssein finde ich übrigens ziemlich cool. Wenn wir alle gleich wären, wäre das ziemlich langweilig, oder nicht? Können wir nicht auch alle voneinander lernen?

Wenn ihr mehr zu den Themen auf unserem Blog lesen möchtet, empfehle ich euch diese Beiträge:

Lieben Gruß,
Jani ❤

2 Gedanken zu “Frugalismus? Wieder was gelernt

  1. Ich habe letztens auch das erste Mal von Frugalismus gelesen und mir so meine Gedanken darüber gemacht. Irgendwie finde ich Frugalismus aber die gesündeste und auch eine notwendige Lebensweise. Ich weiß gar nicht, wie andere das anders machen. Wir haben kein Auto, trinken nur Wasser aus dem Hahn und kaufen extrem selten neue Dinge/Klamotten usw. Klassisch Frugalismus? Das ist ehrlich gesagt der einzige Weg, um sorgenfrei über den Monat zu kommen – noch ganz ohne Sparen.

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