Darf ich als Mama noch eigene Ziele haben?

Die Mutterrolle bzw. das Elternsein definiert ja jede*r anders. Manch eine* bleibt für die Kinder ganz zu Hause, manche Eltern teilen sich die Kinderbetreuung und arbeiten in Teilzeit, manche Eltern beide in Vollzeit. So verschieden wir Menschen sind, so verschiedenen sind auch unsere Lebensmodelle. Und dabei gibt es kein richtig und kein falsch. Die Lebensmodelle müssen zur Familie passen. Wie ist es aber mit Zielen von Eltern? Dürfen Eltern noch Ziele haben oder sollen sie die für die Kinder zurückstellen? In diesem Beitrag möchte ich dir unser Modell vorstellen und erklären, warum Ziele für uns wichtig sind.

Mein Mann und ich arbeiten und studieren beide und haben berufliche Ziele. Damit meinen wir nicht, dass wir Karriere machen wollen, sondern bestimmte Abschlüsse erreichen und uns besser qualifizieren möchten. Wir haben halt richtig Lust aufs Lernen. Darüber habe ich in meinen Beiträgen „Wie macht ihr das bloß? Vereinbarkeit von Familie, Studium und Job“ und „Liebe Regierung, komm‘ in die Puschen und tu‘ was für die Familien mit zwei Verdienern!“ schon einmal gebloggt.

Mama bleibt zu Hause?

Ich bin gelernte Arzthelferin und habe nach meiner Ausbildung mein erstes Kind bekommen. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie, in der mir vorgelebt wurde, dass die Mutter zu Hause bleibt oder maximal einen 450 Euro Job ausübt. Mir erging es in der ersten Zeit mit meinen Kindern ähnlich wie Andrea von Erfahrungssammler.de:

Meine Kinder waren meine Ziele. Es gab immer wieder etwas, worum ich mich kümmern musste und immer ging es dabei um meine Kinder. Jeden Tag der gleiche Rhythmus (brauchen Kinder ja), jeden Tag Kinder versorgen, Haushalt und vielleicht noch etwas Geld dazu verdienen.
Ich fühlte mich ausgelaugt, gleichzeitig unter Strom. Oft hatte ich das Gefühl, nichts zu erreichen und nichts zu tun.
In einem Forum wurde mir erst bewusst, wie viel ich jeden Tag mache. Die Aufgabe war morgens eine To-Do-Liste für den Tag zu erstellen. Meine Liste war ellenlang und mir wurde klar, wie viel ich jeden Tag leiste. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl nichts zu schaffen.

Ich schlitterte also in dieses Modell hinein und merkte schnell, dass es nichts für mich ist. Ich wollte neben meinen Kindern berufstätig sein, in Teilzeit mit maximal 30 Stunden. Denn bei all meinen Zielen steht die Familie immer an erster Stelle.

Ich bin halt neben Mama auch Jani, Ehefrau, Arbeitnehmerin, Freundin und ein eigenständiger Mensch. Ich kann mich nicht nur über das Muttersein definieren. Ich brauche mehrere Puzzleteile, um glücklich zu sein: zufriedene Kinder, eine harmonische Partnerschaft, einen Job der mich ausfüllt, kognitiven Input und einen tollen kleinen Freundeskreis.

Anfangs arbeitete ich, als die Kinder noch klein waren (oh Gott, unsere Älteste ist jetzt schon fast 15 Jahre alt, man ist das alles lange her) wegen fehlender Kinderbetreuung auf 450 Euro Basis, dann irgendwann in Teilzeit. Während meiner Tätigkeiten nahm ich an verschiedenen Fortbildungen teil, aber irgendwann war da auch ein Ende der Fahnenstange erreicht. So kam es aber im Laufe der Zeit dazu, dass ich  zunehmend unzufriedener wurde. Mein Job forderte mich nicht mehr und auch mein kognitiver Input fehlte gänzlich. Also schmiss ich meinen Job hin und startete ganz neu….

Ziel 1: Ein neuer Beruf

Schon damals in der Realschule sagte ich zur Berufsberaterin, dass ich gerne mit Menschen arbeite und mich die Medizin brennend interessiert. Über Studiengänge wurde nie gesprochen (hey Medizin! Was wärst du spannend gewesen!), sondern nur über Ausbildungen. So kam es dazu, dass ich Arzthelferin wurde.
Schon während meiner Ausbildung kristallisierte sich heraus, dass ich gerne Sozialarbeiterin werden möchte. Das alles fand ich nur durch eigene Recherchen raus. Unterstützung erhielt ich nie. Das war schon schwer. Wie sollte ich studieren, denn ich hatte schließlich kein Abitur und dazu noch (kleine) Kinder – mittlerweile waren es drei (damals 10, 9 und 2 Jahre). Dennoch war der Leidensdruck durch die Unzufriedenheit sehr groß. Ich musste etwas verändern, es ging gar nicht anders. Also informierte ich mich über studieren ohne Abitur. Ich legte eine Zugangsprüfung ab, die ich richtig gut bestand, machte mein dreimonatiges Vorpraktikum (Pflicht!) in Vollzeit (unentgeltlich, das Geld fehlte natürlich!) und bewarb mich um einen Studienplatz, den ich dann auch bekam.

Das Studium war toll! Endlich bekam ich meinen kognitiven Input und merkte, dass das genau das ist, wofür ich brenne. Ich fühlte mich wie ein Schwamm, der alles in sich aufsog und gar nicht genug bekommen konnte und war glücklich und zufrieden. Bafög bekam ich nicht, also musste ich nebenher auch noch arbeiten. Manchmal war das schon stressig, vor allem, wenn dann noch das große Praktikum anstand. Ich machte mein Praktikum in Teilzeit und dementsprechend länger, damit ich mich um die Kinder kümmern und am Wochenende arbeiten konnte, wenn mein Mann zu Hause war. Nebenbei belegte ich dann noch in der Zeit Seminare, in der mein Mann zu Hause war. Das war auch nicht immer leicht, da er ja im Schichtdienst arbeitete. Dennoch schaffte ich es, mein Studium um vier Monate zu verkürzen und wurde mit zwei anderen Studierenden zu den Jahrgangsbesten gekürt.  Ich sag’s ganz offen: Darauf bin ich sehr stolz. Ja, das sollten wir öfters sagen, auch wenn es sich gerade…. komisch anfühlt, das mal offen auszusprechen…

Ziel eins war also erreicht. Check! Danach wollte ich eine Pause einlegen und eigentlich „nur“ arbeiten.

Ziel 2: Master machen

Nach etwa drei Monaten arbeiten merkte ich wieder, dass mir wieder der kognitive Input fehlte. Mein Job war toll und herausfordernd. Ich war diesbezüglich sehr, sehr glücklich. Familie und Beruf ließen sich recht gut vereinbaren. Ich habe im Studium aber Blut geleckt und wollte mehr. Somit suchte ich mir Masterstudiengänge raus, die in Frage kommen. Ich bin ja in der Auswahl sehr eingeschränkt: Ich muss die Kinderbetreuung sicherstellen können, er darf nicht viel kosten, Übernachtungen auswärts sind wegen der Kinderbetreuung nicht drin. Somit entschied ich mich für einen Master vor Ort. Der hat auch einen weiteren Vorteil: Ich lerne zu forschen und werde dadurch noch mal anders gefordert.

Ich kann in diesem Master viel von zu Hause aus machen, so dass die Kinder dadurch keinen Nachteil erfahren. Da sie jetzt ja alle zur Schule gehen (Freigeister brauchen Freiräume – Unsere Erfahrungen mit einer Montessorischule), habe ich natürlich auch mehr Zeit, neben dem Job zu studieren. Zudem arbeite ich flexibel und kann mir meine Zeiten selbst einteilen und auch im Homeoffice arbeiten. Das klappt super. Dafür bin ich sehr dankbar und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist und es andere Familien nicht so gut haben.

Erreichen von Ziel zwei ist in greifbarer Nähe.

Ziel 3: Promotion?

Ich bin noch etwa ein Jahr im Master, dann habe ich es geschafft. Was kommt dann? Eigentlich habe ich vor, danach wieder „nur“ zu arbeiten. Aber ich kenne mich, ich weiß, dass es mir wieder in den Fingern jucken wird. Deshalb liebäugle ich mit einer Promotion. Mir macht wissenschaftliches Arbeiten unglaublich viel Spaß. Ich gehe dabei vollkommen auf. Immer wieder neuen Input, neue Sichtweisen, neues entdecken und herausfinden, gefordert werden. Das fühlt sich großartig an. Ich promoviere nicht, um groß Karriere zu machen, sondern einfach, weil mir wissenschaftliches Arbeiten und Forschen viel Spaß macht.

Allerdings muss das auch wieder neben der Familie machbar sein. Da wir aber schon so viel in dieser Richtung gewuppt haben, bin ich da zuversichtlich. Aber erst einmal muss ich Ziel 2 erreichen, dann kann man weitersehen. Vielleicht hängt mir dann ja auch alles wirklich mal zum Halse raus. Wer weiß. 😉

Auch wenn es keine Promotion werden sollte, werde ich mich mit Sicherheit immer weiterbilden, vielleicht zur systemischen Therapeutin. Ich weiß es noch nicht. Da ich immer tausend Ideen habe, kann da auch was ganz anderes noch kommen. 😉

Auch mein Mann hat Ziele

Mein Mann möchte sich beruflich auch verändern und studiert nebenberuflich. Dadurch ist er kognitiv gefordert und viel besser gelaunt. Das ist schön, ihn so beim Wachsen zuzusehen. Dazu muss er aber selbst etwas schreiben, das kann ich nicht für ihn. 🙂

Wir halten eigene Ziele für sehr wichtig

Sowohl mein Mann und ich halten eigene Ziele für sehr wichtig. Wenn eins erreicht wird, kommt automatisch ein neues Ziel. Geplant was das so nicht. Aber schön ist es dennoch. Wir finden, dass wir den Kindern dadurch etwas schönes vorleben:

  • Sie sehen, dass man für seine Ziele was tun muss.
  • Sie sehen, dass man nie zu alt zum Lernen ist.
  • Sie sehen, dass man neben Mutter und Vater auch noch ein eigenständiger Mensch mit eigenen Wünschen und Zielen ist.
  • Sie sehen, wie man sich organisieren und planen kann, lernen am Vorbild (so hoffe ich doch zumindest, vielleicht bleibt ja irgendwas hängen 😉 ).

Wir projizieren unsere Wünsche nicht auf die Kinder und fokussieren uns nicht nur auf sie. Dadurch – und das ist nur unsere persönliche Meinung – erdrücken wir sie nicht (obwohl unsere Teenietochter da jetzt an dieser Stelle ein Veto einlegen würde 😉 ). Wir sehen das alles auch als eine Art Selbstfürsorge für uns Eltern. Nur wenn wir glücklich und zufrieden mit unserem Leben sind, können wir das auch an unsere Kinder weitergeben.

Es ist nicht immer leicht

Es ist absolut nicht leicht, immer alles unter einen Hut zu bekommen. Wie ich schon schrieb, stehen die Kinder bzw. die Familie im Mittelpunkt, alles andere wird darum gelegt und gebaut. Das ist manchmal anstrengend für uns Eltern, aber es lohnt sich auch.  Wir Eltern sind zufrieden und die Kinder auch. Wir haben von den Kindern noch nicht einmal gehört, dass sie das doof finden, dass wir studieren. Hingegen haben wir schon öfters gehört, dass sie den Schichtdienst meines Mannes mehr als doof finden. Aber auch das ändert sich ja jetzt, da er endlich eine Stelle mit normalen Zeiten hat (alleine dafür hat sich das Studium schon gelohnt!). Das Studieren und Weiterbilden finden sie gut. Wir sprechen auch mit ihnen darüber und dadurch erweitern wir auch ihren Horizont. Zudem fragen wir immer wieder, wie es ihnen geht und was sie sich wünschen. Es ist also nicht so, dass wir unsere Karrieren vor den Kindern stellen, sondern dies nebenbei machen.

Die Kinder sind irgendwann groß, was kommt dann?

Ich nutze die Zeit jetzt, in der ich sowieso auf Grund der Kinderbetreuung nur Teilzeit arbeiten kann, um mich fortzubilden und gleichzeitig die Zeit mit den Kindern zu genießen. Dieses Vorgehen ist für uns genau richtig. Wenn die Kinder groß sind, kann ich dann in Vollzeit (oder wie auch immer) arbeiten und bin gut ausgebildet.
Aber alles steht und fällt halt mit einer vernünftigen Kinderbetreuung. Wir haben Glück, eine gute Kinderbetreuung in der Schule zu haben – hätten wir die nicht, wüssten wir nicht, wie das laufen würde und ob wir unser Lebensmodell so leben würden/könnten. Familie, die mal eben einspringen kann, haben wir nicht vor Ort. Das muss alles längerfristig geplant werden. Aber das ist wieder ein anderes Thema…

Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber seitdem ich Ziele verfolge, arbeite, studiere und mich um die Kinder kümmere, bin ich ausgeglichener und zufriedener als jemals zuvor. Und da ich ein Duracell-Häschen bin, habe ich dafür auch genügend Kraft. Ich brauche das alles sogar, damit es mir gut geht. Endlich habe ich das Gefühl (um nochmal auf das Zitat von Andrea Bezug zu nehmen), dass ich etwas schaffe. Es macht Spaß, neue Ziele zu kreieren und unfassbar stolz, sie zu erreichen. Das macht was mit mir, etwas Gutes. Wirklich richtig Gutes.

Wie macht ihr das und wie seht ihr dieses Thema?

Lieben Gruß,
Jani ❤

Dieser Beitrag entstand im Rahmen der Blogparade „Braucht, sollte, darf Mama noch eigene Ziele haben? (Blogparade!)“ von Vivabini. Schaut da mal vorbei, da sind interessante Beiträge dabei! ❤

2 Gedanken zu “Darf ich als Mama noch eigene Ziele haben?

  1. Hi, dein Beitrag zur Blogparade liest sich wirklich gut und ist sehr anregend. Tatsächlich überlege ich auch gerade, was ich noch machen kann. Ich arbeite jetzt seit einem Jahr in meinem Wunschberuf (Vollzeit) & vielleicht wäre ein Fernstudium beispielsweise auch noch eine gute Idee, um bestimmte Interessen noch weiter zu verfolgen. Es ist toll, dass wir heutzutage so viele Möglichkeiten haben! – Aber sie zu nutzen, das ist nicht selbstverständlich. Respekt an eure Power 🙂

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    1. Danke schön 🙂 Vollzeit ist auch eine Hausnummer, Respekt! Ich freue mich immer zu lesen, wenn Menschen glücklich in ihrem Beruf sind und Lust haben, sich weiterzubilden. Man lernt ja nie aus 🙂
      Ja, wir haben heute viele Möglichkeiten. Schade finde ich allerdings, dass man kaum darauf hingewiesen wird bzw. es selber recherchieren muss. Aber das ist mal wieder ein separates Thema 🙂

      Lieben Gruß,
      Jani ❤

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