Minimalismus
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Minimalismus ist nicht die Lösung für alles

Heute möchte ich dir zwei Extreme in Sachen Minimalismus und Ausmisten und meine Gedanken dazu vorstellen. Ich bin auf ein Interview mit Cèderic Waldburger gestoßen, der nur noch 59 Dinge besitzt und keinen festen Wohnsitz hat. Er besitzt nichts, was einen emotionalen Wert hat, sondern nur Gegenstände, die jederzeit leicht und schnell zu ersetzen sind.

Ich besitze nichts mit emotionalem Wert. Alles ist sehr pragmatisch und ich kann es schnell wieder beschaffen, falls ich etwas verliere oder etwas kaputt geht.

Mit diesen wenigen Gegenständen reist er beruflich um die Welt. Er lebt viel in verschiedenen Hotels oder kommt kurzfristig bei Freunden unter.

Letztes Jahr war ich insgesamt auf 120 Flügen, also im Schnitt kaum drei Tage an einem Ort. Dieses Jahr möchte ich mindestens eine Woche am gleichen Ort zu sein. Ich habe auch Minimalismus im Kopf gemacht und arbeite jetzt an weniger Projekten parallel.

Und wie es so sein sollte, fand ich auch eine Doku über ihn, in der übrigens noch andere Minimalisten zu Worte kommen. Aber ich habe mich entschieden Cèderic als Beispiel zu nehmen. Für ihn gilt – ebenso wie für alle anderen Minimalisten – herauszufinden, was einem wichtig ist, um das dann konsequent umzusetzen. Das haben fast alle Minimalisten gemeinsam. Ich gewann aber schnell den Eindruck, dass sein Leben aus Kontrolle besteht und in allen Bereichen optimiert ist.

Fast gleichzeitig bin ich (kopfschüttelnd) auf einen Artikel über Marie Kondo – der selbsternannten Aufräum-Königin – gestoßen, die jetzt sogar einen eigenen Onlineshop besitzt (Marie Kondo – Bei ihr sparkt sogar der Rosenquarz). Anfang des Jahres hat sie in ihrer Netflix-Serie ganze Häuser ausgewählter Familien entrümpelt und damit gleichzeitig auch vermeintlich und öffentlichkeitswirksam Ehen und Eltern-Kind-Beziehungen gerettet (hier ein interessanter kritischer Artikel über die Serie: Warum “Aufräumen mit Marie Kondo” nicht dein Leben verändert). Millionen Menschen haben anschließend nach ihrer Methode ausgemistet, Dinge weggeworfen und dadurch vermeintlich minimalistischer gelebt. Mit dem Ausmisten endete jedoch aber auch die Serie, ein grundsätzliches Umdenken in Sachen Konsum schien nicht Ziel zu sein.
Nicht nur, dass das bloße Wegwerfen der aussortierten Gegenstände absoluter Quatsch war und ist, nein jetzt haben diese Menschen die Möglichkeit, im Onlineshop der „Aufräumqueen“ fancy glücklich machende Gegenstände – wie Stimmgabeln (wer braucht sie nicht, um glücklich zu sein?) und Rosenquarz – zu kaufen.  Anders als Cèderic Waldburger legt Marie Kondo beim Ausmisten jedoch den Fokus auf Gegenstände, die einem wichtig sind und „glücklich“ machen.

An diesen beiden Beispielen wird deutlich, dass Minimalismus, Ausmisten oder weniger besitzen nicht zwingend etwas mit Nachhaltigkeit, Entschleunigung, Achtsamkeit und Sparen (Geld und Ressourcen) zu tun hat. Thomas von „Der Sparkojote“ schreibt dies auch deutlich unter einem meiner Kommentare. Für ihn sind Nachhaltigkeit und Sparen nur mögliche Nebeneffekte eines minimalistischen Lebensstils. Und ich denke, er steht als Beispiel für viele andere Minimalisten. In diesem Jahr habe ich gemerkt, dass Minimalist nicht gleich Minimalist ist. Es gibt sehr viele Varianten, was ich wunderbar finde. Schon in anderen Beiträgen habe ich darüber geschrieben, dass für die einen Minimalismus bedeutet, mit möglichst wenigen Dingen – im Idealfall unter 100 Gegenständen – zu leben. Für uns bedeutet Minimalismus nicht, eine bestimmte Anzahl an Gegenständen zu besitzen, sondern das zu pflegen und hegen, was wir als Familie brauchen und woran wir hängen, wenig Neues zu kaufen, bewusst zu konsumieren und vor allem nachhaltiger zu leben und so wenig Ressourcen zu verbrauchen, wie nur möglich.

„Befreie dich von unnützem Zeug und deine Probleme werden gelöst!“

Diese Aussage wird in der Öffentlichkeit oft suggeriert. Diese Gedanken fußen auf einem kapitalistischen Gedankengut, in dem sich Menschen über den materiellen Besitz definieren, nur eben jetzt in anderer Richtung – über das, was man nicht mehr besitzt. Es ist derzeit hip, auszumisten und weniger zu besitzen.

Wenn wir nur weniger besitzen würden, könnten wir, so die Message, mehr in weniger Zeit leisten. Ja, so scheint das in der Leistungsgesellschaft zu sein. Das Haus sei in ständiger Ordnung, alle seien glücklich und zufrieden. Bestehende persönliche Probleme, Eheprobleme und Ungerechtigkeiten in der Gleichberechtigung (Stichwort gleichberechtigte Partnerschaft) werden dadurch elegant verschleiert. Insbesondere in der Doku von Marie Kondo wurden genau diese Probleme und ihre Verschleierung deutlich (Warum die Aufräummethoden von Marie Kondo dein Leben nicht besser machen). Das Mantra: „Wenn du weniger besitzt, wirst du glücklicher und deine Probleme lösen sich auf.“ Minimalismus ist aber nicht die Lösung für alle Lebenslagen und Probleme. Und weniger Kram macht uns auch nicht automatisch glücklicher und zufriedener. 

Minimalismus kann so viel mehr sein

Zweifelsfrei machen Gegenstände und großer Besitz nicht glücklich. Das belegen mittlerweile auch zahlreiche Studien (u. a. Laut Harvard-Studien brauchen wir genau eine Sache für ein erfülltes LebenGLÜCKSSTUDIEN Wozu das Glück?). Oft werden mit Konsum innerliche Lücken gefüllt, Gefühle betäubt und von bestehenden Problemen abgelenkt.
Aber auch ein Leben mit so wenigen Gegenständen, die in wenige Taschen passen, macht meiner Meinung nach auf Dauer nicht glücklich. Auch sieht so ein Leben auf den ersten Blick nachhaltig aus und scheint glücklich und zufrieden zu machen. Wenn man dann aber genauer hinschaut sieht man, dass so ein Leben nicht zwingend mit Nachhaltigkeit verbunden ist (siehe die 120 Flüge und ein Leben im Hotel von Cèderic und das Wegwerfen und Neukaufen von Gegenständen bei Kondo). Es gehört auch so viel mehr dazu, um glücklich und zufrieden zu sein. Ausmisten und ein geringer Besitz reichen nicht aus (hier findest du noch mehr unserer Artikel dazu, siehe auch die verlinkten Studien).

Wir sollten uns daher nicht nur fragen, was uns wichtig ist, was wir brauchen und was uns glücklich macht. Wir sollten viel tiefer in uns hineinhorchen und viel weiter über unseren Horizont hinausschauen: Was kann ich persönlich tun, um die Welt, und sei es nur mein persönliches Umfeld, ein bisschen besser und gerechter zu machen? Was wir brauchen sind tiefe soziale Beziehungen und sinnhafte Tätigkeiten. Wenn wir nun einen minimalistischen Lebensstil (wie auch immer der für jeden aussehen mag) pflegen, Zeit und Gedanken in Beziehungen und sinnhaften Tätigkeiten investieren, kommt man dem Glück und der Zufriedenheit vielleicht näher, als unabhängig voneinander.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf Marie Kondo und Cèderic Waldburger, stellvertretend für viele Minimalisten und Aufräumcoaches auf der Welt, zurückkommen. Ihnen folgen Millionen Fans und übernehmen das genannte vermeintlich einfache Gedankengut. Und diese Fans werden irgendwann merken, dass Ausmisten und ein geringer Besitz zu kurz gedacht sind und auf Dauer nicht ausfüllen und glücklich machen, wodurch sie vielleicht sogar in alte Verhaltensmuster verfallen.

Es ist schön und absolut befreiend, sich von unnützem Zeug zu trennen. Wir sprechen da aus Erfahrung: Ein aufgeräumtes Haus, weniger Putzen, Struktur und Ordnung sind wunderbare Effekte eines minimalistischen Lebensstils. Wir lieben die Klarheit in den Räumen, ja sogar in unserem ganzen Leben, und möchten es nicht mehr anders haben. Auch der finanzielle Aspekt ist nicht außer acht zu lassen. 😉 Es ist einfach toll!
Aber es sind eben nur einige Aspekte, die aber alleine für sich stehend nicht glücklich machen. Ausmisten und minimalistisch leben sollte erst der Anfang einer langen und spannenden Reise sein, die den eigenen Horizont erweitert und zu einer inneren Haltung wird.

Kennst du eigentlich schon unsere Blogparade zum Thema „Was wirklich wichtig ist“?Wir freuen uns, wenn du mitmachst und uns an deinen Gedanken teilhaben lässt.

In diesem Sinne, lieben Gruß,

Jani ❤

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Minimalismus

von

Jani. | Mutter. Ehefrau. Arbeitnehmerin. Studentin. Schöne Dinge- und Natur Liebhaberin. Entdeckerin. Tüftlerin. Denkerin. Kleine Weltverbesserin. Optimistin.

5 Kommentare

  1. Hallo Jani,
    Glücklichsein umfasst sehr viele Facetten, das stimmt. Allerdings wird in Ratgebern immer wieder von Erfahrungen berichtet (und das deckt sich mit meinen eigenen), bei denen sich die Verbesserung eines Lebensbereichs oft auf weitere Bereiche auswirkt. Es kann also durchaus sein, dass das Entrümpeln der Wohnung dazu führt, dass man auch andere Bereiche seines Lebens „entrümpelt“ oder dass die Disziplin in Bezug aufs Nicht-kaufen, auch zu mehr Disziplin im Beruf, im Job oder in der Fitness führt. Von daher finde ich Marie Kondo tatsächlich nicht unglaubwürdig, auch wenn die Serie natürlich gescriptet war, typisch Fernsehen halt. (Den Onlineshop finde ich allerdings schon enttäuschend unglaubwürdig!).

    Eine tiefgreifende Veränderung im Leben kann wie das Schneeballsystem tatsächlich immer weitere Veränderungen anstoßen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man bei jeder Lebensveränderung auch sich selbst verändert, seine Prinzipien, sein Denken, seinen Blick auf die Welt.

    Viele Grüße
    Nadine

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  2. Hoi Jani,

    Sehr schöner Beitrag, ich denke auch das Minimalismus viele Varianten annehmen kann und sehr abhängig von Person zu Person ist. Es gibt so gesehen nicht DEN Minimalismus. Sondern jeder hat seine eigene Umsetzung und einen andere Hauptfokus.

    Liebe Grüsse
    Thomas

    Liken

  3. Für mich ist Marie Kondo keine Minimalistin. Sie ist Aufräum-Coach, da hat sie einige gute Ideen – aber seit kurzem ist sie eben auch „Schaff Platz, damit du dich mit meinem Onlineshop-Zeugs wieder zurümpeln kannst.“

    Die Minimalismus-Variante von Cedric Waldenburger finde ich wegen der Umweltbelastung ebf. höchst fragwürdig. Das ist für mich ein Minimalismus, den wir uns eigentlich nicht mehr leisten können und sollten. Da habe ich lieber einige Dinge mehr und bin Flug-Minimalistin (habe noch nie in einem Flugzeug gesessen und habe das auch nicht vor).

    Diese Geschichte mit den 100-Dingen ist für mich fast ein Running-Gag: Dave Bruno hatte das ganze mal gestartet – das waren nur seine persönlichen Dinge, nicht das, was er mit der Familie gemeinsam nutzte (der ganze Küchenkrempel z.B.!), außerdem zählte er sein gesamtes Bücherregal einschl. Büchern als 1 Ding.

    Minimalismus ist keine Leistung, kein Wettbewerb, sondern insbesondere eine innere Haltung für mich, die sich u.a. eben auch in bewusstem Konsum und weniger Dingen ausdrückt.

    Gefällt 2 Personen

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